Europa in der Finanzkrise – Wie schlimm kann es kommen? - detailverliebt.de
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Europa in der Finanzkrise – Wie schlimm kann es kommen?

Europa ist in der Krise! Tag für Tag ereilen uns neue Hiobsbotschaften und die Nachrichten überschlagen sich. In Island raucht nicht nur der Vulkan, sondern auch der Staatshaushalt, Griechenland ist pleite und auch in Spanien geht finanziell die Sonne unter.

Welche Auswirkungen hat die Wirtschaftskrise auf unser Leben? Steht eine Inflation bevor?

Diese Frage stellen wir uns momentan immer wieder. Wir möchten uns genauer mit diesem Thema auseinander setzen. Doch wer kann unsere Fragen beantworten? Stilisieren die Medien die Problematik nur hoch oder stehen wir wirklich vor einer neuen Weltwirtschaftskrise?

Mit Prof. Harald Uhlig (Professor und Chairman im Bereich Ökonomie an der University of Chicago) haben wir einen Experten gefunden, der uns kurze und prägnante Antworten zu diesem heiklen Thema gegeben hat. Unter anderem schreibt Prof. Uhlig für das Handelsblatt, ist als Berater für die Bundesbank und die Federal Reserve Bank of Chicago tätig und hat schon an den renommierten Universitäten in Princeton, Tilburg und an der Humboldt Universität in Berlin unterrichtet.

Island, Griechenland und Spanien, immer mehr Länder befinden sich am finanziellen Abgrund, welche Länder kann es noch treffen? Und wie kritisch ist die Lage?

Ich entnehme hier meine Informationen aus den Zeitungen. Zur Zeit wird vor allem Portugal genannt, aber auch Spanien, vielleicht Großbrittanien, Italien, evtl. Irland. Japan hat im übrigen einen sehr hohen Schuld-GDP-Quotienten: noch sind es vor allem japanische Institutionen, die diese Schulden halten, aber wenn es hier Brüche gibt, kann es auch dort zu großen Schwierigkeiten kommen. Neben den expliziten Staatsschulden sind aber die impliziten Staatsschulden noch viel dramatischer: Pensionszusagen, Sozialstaatsversorgungszusagen, etc..

Die Bevölkerung und die Journalisten aller Industrieländer sollten darauf bestehen, dass explizite sowohl als implizite Schulden klar dargestellt werden, und das unabhängige Expertengremien die Schuldendynamik analysieren – wie sonst soll der demokratische Kontrollprozess funktionieren? Kurzfristig gibt es im Euro-Raum vor allem Sorgen um Portugal und Spanien. Mir macht Sorge, dass die wesentlichen Krisensituationen und -lösungen auf höchster Ebene allen Anschein nach nicht adäquat durchdacht werden. Was z.B. wäre die Folge eines Staatsbankrottes in Griechenland oder Spanien? Wenn man keine sauber durchdachte Antwort auf diese Frage hat, dann ist die Begründung der politischen Maßnahmen schwer nachvollziehbar.

Nun hilft die EU mit 110 Milliarden Euro (in Zahlen: 110.000.000.000 €). Woher kommt das Geld (Deutschland hat doch selbst schon genug Schulden)? Verschulden sich die EU-Staaten damit nicht selbst?

Der Schuldenstand der EU ändert sich insgesamt dadurch nicht. Die Garantie der Schulden wird nur auf eine breitere Basis gestellt: also nicht mehr nur griechische Steuerzahler, sondern auch deutsche Steuerzahler. Wenn die Märkte mit ihrer Skepsis recht hatten, dass es Griechenland ohne Eingriff schwer gefallen wäre, seine Schulden zurückzuzahlen, dann wird das auch mit dem Eingriff so bleiben, auch wenn natürlich die jetzt niedrigeren Zinsen helfen. Grob gesprochen hat die internationale Gemeinschaft durch den Rettungseingriff diese Zinsdifferenz an Griechenland geschenkt: ich schätze, vielleicht irgendwo um die sechs oder vielleicht mehr Prozent der griechischen Staatsschulden. Einen guten Teil davon zahlt der deutsche Steuerzahler. Es wird manchmal geschrieben, dass Deutschland an der Garantie an Griechenland verdienen kann, da die Zinsen höher sind als die Zinsen, die Deutschland zahlen muss. Das ist die falsche Perspektive: genauso gut könnte man behaupten, eine KFZ-Versicherung kann Geld an einer viel zu preiswert verkauften Vollkasko-Deckung verdienen, wenn es keinen Unfall gibt. Die richtige Logik ist, dass die Versicherungsprämie dem Risiko entsprechen muss. Das tut sie im griechischen Fall natürlich nicht, wie die Märkte gezeigt haben.

Immer öfter hört man Stimmen, die eine neue Weltwirtschaftskrise inklusive Hyper-Inflation vorhersagen? Wie realistisch ist das? Wie schlimm kann es kommen?

Wenn beispielsweise Spanien, Großbrittanien und Japan in zunehmende Schwierigkeiten geraten, Schulden zu zahlen oder neue Schulden aufzunehmen, dann wird das wohl vermutlich in der Tat zu weltwirtschaftlichen Problemen führen, bis die Situation geklärt ist: bei zuviel Verzögerung und Unklarheiten kann daraus eine weitere Weltwirtschaftskrise entstehen. Unrealistisch ist das leider nicht, aber ich hoffe immer noch, daß die Politik intelligent genug ist, dies zu vermeiden. Eine Hyperinflation kommt wohl nur, wenn die Europäische Zentralbank oder die Federal Reserve Bank dumm genug ist, den Geldhahn weit aufzudrehen, oder wenn die Bevölkerung das Vertrauen in Dollar und/oder Euro in dramatischer Weise verliert: beides halte ich für sehr unwahrscheinlich und es gibt derzeit keine Anzeichen dafür.

Mir persönlich haben diese Antworten sehr geholfen. In der aktuellen Medienlandschaft fällt es manchmal schwer, die Situation adäquat einzuschätzen und eigene Schlüsse zu ziehen. Expertenmeinungen, wie die von Prof. Uhlig, beleuchten die Sachlage auf eine ganz objektive Weise und geben mir persönlich ein tieferes Verständnis für die Materie.

Robert und ich finden es ungemein wichtig, auch mal solch ein wichtiges und aktuelles Thema zu beleuchten. Wir möchten uns an dieser Stelle ganz herzlich bei Professor Harald Uhlig für seine Zeit und seine spannenden Antworten bedanken!

Wie kam es zu diesem Artikel?

Dieser Artikel hat eine ganz besondere Geschichte, die wir euch nicht vorenthalten möchten:

Vor gut einem Monat schrieb ich den Artikel „TOP 10 – Die lesenswertesten Artikel großer Zeitungen„, in dem ich Euch zehn äußerst lesenswerte Artikel vorgestellt habe. Unter anderem enthielt meine Auswahl den Handelsblatt-Artikel „Eine Griechische Tragödie„, bis hier hin nichts besonderes. Doch vor einigen Tagen erhielt ich dann eine sehr nette E-Mail von Prof. Uhlig, dem Autor des Artikels, in der er sich für die Erwähnung bedankte. Daraus entstand eine überaus freundliche Konversation, aus der genau dieser Artikel entstammt.

Weitere Informationen zum Thema:

Was ist Eure Meinung? Würdet Ihr Griechenland, Spanien und Co. finanziell unterstützen? Interessiert Euch das Thema? Wir freuen uns auf Eure Kommentare!

Fotos: Wikipedia (Weltkarte), Wikipedia (Europäische Union)

Thorsten Rusch vor 8 Jahren

Kommentare

  • Egonsagt:
    06. May. 2010 um 11:48

    Mich interessiert nur eine Sache, ob das Angesparte in Gefahr ist oder nicht. Alles Weitere wären für mich Spekulationen in denen ich nicht tief genug stecke.

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