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Norwegen und die Medien – Eine traurige Geschichte

Lange hab ich darüber nachgedacht, ob ich diesen Artikel hier schreibe. Die grausamen Ereignisse in Norwegen sind unvorstellbar. Einfach nur fürchterlich. Aber was die Medien daraus machen, macht das gesamte Ausmaß, in meinen Augen, noch ein bisschen schlimmer.

Vor wenigen Tagen habe ich auf der Website der W&V einen Artikel von Chefredakteur Jochen Kalka gelesen. In dem Artikel ging es um das Versagen der Medien. Doch in wie fern haben die Medien versagt?

Zunächst beschreibt er den unfassbaren Ort des Massakers. Überall sind schockierte Menschen, Mütter, Väter – Menschen, die grade die schlimmste Zeit Ihres Lebens durchleben. Und dazwischen? Perfekt ausgeleuchtete Zelte der Fernsehanstalten. Er beschreibt es wie folgt: „Rummel rund um Blumen, Kerzen, Trauer. Eine von illustren Medien eingekreiste Leere“.

Und überall sind Reporter. Grausame Reporter. Die für eine „Story“ trauernde Menschen belagern und schier jeden fragen, ob sie was gesehen haben. Oder noch schlimmer, ob sie den Täter kannten.

Weitergehend schreibt Jochen Kalka folgendes:

Den Medien sind die Opfer egal. Für sie ist der Täter Opfer. Die Medien suchen nach Antworten, wie es zu der Tat kommen konnte. Der Täter als Opfer der Gesellschaft. Immer die gleiche Debatte. Ungeniert vergehen sich all diese Medien an den Opfern und ihren Angehörigen. Unsittlich berühren sie die Gefühle der Menschen und verletzen sie. Stören sie in ihrer Hilflosigkeit, in ihrem Schock, in ihrem Nirgendwo.

Es ist wirklich schrecklich. Und ich kann es nicht mehr sehen. Nach dem Amoklauf in Winnenden passierte das gleiche. Und die Medien haben wirklich nichts gelernt.

Auf den Titelseiten und Websites einschlägiger Medien prangt ein großes Bild des Täters. Wer war er? Hatte er Freunde? Wie lebte er sein Leben? Ich verstehe es nicht. Es ist allgemein bekannt, dass eine Berichterstattung über den Täter Nachahmer anlockt. Nicht nur bei Amokläufen, sondern auch bei Selbstmördern (wie z.B. bei Robert Enke. Hier hatte die Süddeutsche ausführlich darüber berichtet). Je detaillierter die Ausführungen in der Berichterstattung sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es jemand nach macht.

Dazu Jochen Kalka:

Ein Täter darf nicht abgebildet werden, er darf keine große Rolle in der Berichterstattung spielen, sonst lockt das Nachahmer an. Das sagen die Psychologen, etwa Bruno-Ludwig Hemmert, der Leiter des Kriseninterventionsteams in Erfurt und in Winnenden gewesen war. Focus Online zeigt den Massenmörder schön groß und thematisiert auch noch, dass er ein Vorbild hatte, einen amerikanischen Terroristen. „Focus“, „Spiegel“ und Co machen den Täter zum Helden. Wieder einmal. Und zum Vorbild für Loser. Wieder einmal.

Welch fürchterliche Welt. Ich kann es nicht verstehen. Ich frage mich: Warum wird der Täter abgebildet und eingängig beschrieben? Dieser offensichtlich geistesgestörte Mensch, der auch noch ein Buch über seine kranken Vorstellungen geschrieben hat und einen öffentlichen Prozess fordert… Warum wird ihm eine Plattform geboten? Der Typ hat 76 unschuldige Menschen erschossen und das bei vollem Bewusstsein. Das darf nicht sein. So jemand darf nicht im Zentrum der Berichterstattung stehen. Das widert mich an.

Ebenfalls widert mich an, dass der Tod einer zwar durchaus talentierten, aber seit Jahren drogensüchtigen Sängerin, als teilweise schlimmer dargestellt wird, als die Geschehnisse in Oslo.

So, das wollte ich mal los werden. Eine traurige Medienlandschaft. Ich hoffe, dass sie lernen. Irgendwann. Ich empfehle Euch allen nochmal den Artikel in der W&V.

Thorsten Rusch vor 7 Jahren

Kommentare

  • Jonassagt:
    31. Jul. 2011 um 23:21

    Und heute gab der Kerl bekannt „Ihr bekommt keine weiteren Informationen von mir, bis – ich hab vergessen wer genau, 2 Politiker in Norwegen – von ihren Ämtern zurückgetreten sind…unfassbar…

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