Warum "mehr Produktivität" am Ende heißt: "mehr zu tun" - detailverliebt.de
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Warum „mehr Produktivität“ am Ende heißt: „mehr zu tun“

Vor ein paar Tagen schoss es mir wie ein Geistesblitz durch die gealterten Synapsen: Auf dem Weg zu immer mehr Produktivität, mehr Effizienz und einer besseren Organisation habe ich übersehen, dass effektivere Prozesse und Vorgehensweisen am Ende doch nur zu noch mehr Arbeit führen. Und die will auch wieder optimiert werden. Doch hatte man mit der ganzen Optimiererei nicht angefangen, um am Ende mehr Zeit zum „Nichtstun“ zu haben?

Es ist geradezu wie verhext. Ich muss ein bisschen weiter ausholen um dann später zu dem Beispiel zu kommen, an dem ich es bemerkt habe.

Wie alles begann

Kurz bevor meine kleine Tochter im September 2009 geboren wurde, zog ich aufgrund eben dieser Tatsache wieder zurück in die alte Heimat. Zu Familie und Freundin nach Berlin. In Düsseldorf ging es bis dato recht relaxt zu. Eigene Hütte, eigene Wäsche, nicht viel neben dem Job zu tun. Viel freie Zeit. Zeit zum Nichts tun.

Da legte das Leben noch eine Schippe drauf

In Berlin angekommen stellt ich als aller erstes fest: So hab ich die Stadt noch nie gesehen. Ich bin damals mit 16 weggezogen. Jetzt habe ich Berlin für mich neu entdeckt. Erschreckend dabei war, dass sich mein Musikstil zumindest für kurze Zeit drastisch geändert hatte. Ich war kurz abgelenkt von Reggae und Hip-Hop, hörte so schlimme Sachen wie Jumpstyle. Einfach, weil es zur Geschwindigkeitsveränderung meines Lebens passte. In kürzerer Zeit ist viel mehr passiert. Allein dass wir von nun an zu zweit in unserer Hütte hausten sorgte für Faktor 2. Als unsere Kurze dann tatsächlich da war, legte das Leben noch mal eine Schippe drauf.

Doch so ist eben nicht nur alles um mich herum schneller geworden war. Ich wurde es auch. Meine Gedanken kreisten schneller. Ich hatte immer mehr und mehr im Kopf. Hin und wieder purzelten dabei einige Gedanken hinten über und waren verloren. Wie eine volle Schüssel die durch einen kleinen Tropfen zum Überlaufen gebracht wird.
Ich bemerkte dass ich in der neuen und alten Heimat viel fleißiger, viel tüchtiger geworden bin. Oder zumindest bestrebt war, nicht rumzusitzen.

Sportliche Synapsen strampeln Tag für Tag

Da waren sie nun, meine auf Hochleistung getrimmten Synapsen. Ein tägliches Sprinttraining hat sie geformt. Nun strampeln sie da, Tag für Tag. Bemühen sich, geben ihr bestes. Und ich mittendrin.

Doch dann fiel mir auf, dass ich viel Zeit mit Dingen verbrachte, die nicht wirklich effektiv waren. Tat dies und jenes. Verlor hin und wieder die Zeit aus den Augen. Ich trudelte umher ohne wirklich voran zu kommen. Das war blöd. Hatte ich ja noch viel mehr Dinge im Kopf die hätten erledigt werden müssen.

Ich optimierte mich

Ich begann also, meine Zeit sinnvoller zu nutzen. Ich begann hin und wieder mal morgens um 4 Uhr aufzustehen, weil das die einzige Zeit war in der ich wirklich produktiv und ungestört am Rechner arbeiten konnte. Abends nach der Arbeit war ich viel zu platt. Und außerdem wollte ich ja auch die Zeit mit meiner neu gegründeten Familie verbringen, wenn die beiden gerade wach sind.

Als wir im April 2010 detailverliebt.de gründeten wurde aus dem „Hin und wieder“ ein „Fast immer um 4 Uhr aufstehen“. Auch am Samstag. Auch am Sonntag.

Ich fühle mich mittlerweile schlecht, wenn ich morgens keine 2 Stunden am Rechner war und etwas sinnvolles an selbigem geschafft habe. Das Ausschlafen, was ich in Düsseldorf noch tagelang konnte, ist mittlerweile kaum noch möglich. Ich wache sowieso – auch ohne Wecker – gegen 4 Uhr auf.

Zurück zum Beispiel, oder doch nicht

Ich kürze nun etwas ab. Komme zurück zu meinem Beispiel.

Ich fotografiere. Ich fotografiere viel. Keine Blumen und wenig Natur. Keine Architektur. Und keine nackten Frauen. Ich fotografiere meine Tochter und unsere Familie. Stets und ständig. Etwa 20.000 Fotos pro Jahr. Also über 50 Fotos pro Tag. Klar, mal mehr, mal weniger.

Da kommen nach einiger Zeit eine Menge Daten zusammen. Eine neue digitale Spiegelreflexkamera macht super Fotos. Super Fotos mit je 5 MB. Macht in Summe schlappe 100 GB pro Jahr. Und ich muss euch nicht erzählen dass die Kamera auch HD-Videos macht. Oder das mein Handy das auch kann.

Egal, lange Rede kurzer Sinn: Ich habe viele Fotos und die müssen irgendwie sinnvoll verwaltet werden. Bei der Menge macht sich das nicht mehr von allein.

Ich begann also meine Daten am PC zu strukturieren. Sie zu optimieren. Ich habe jetzt einen „Stream“-Order der die Ordner „Fotos“, „Videos“, „Dokumente“ und „Grafiken“ enthält. Jeder von Ihnen enthält wiederum Ordner zur Jahreszahl. 2009, 2010, 2011. Darin verstecken sich so Alben wie „2011-02-03 – Berlin, Papas Geburtstag“. Da stecken die Fotos drin.

Doch das ist auch noch nicht das worauf ich hinaus will

Ich hatte zur Geburt meiner Tochter begonnen einen internen Familien-Blog zu führen. Mit den besten Fotos ihrer ersten Monate. Das schlief ein, weil es extrem mühsam wurde, immer die besten Fotos herauszusuchen. Das kostete wahnsinnig viel Zeit.

Ein halbes Jahr tat ich nichts mit den Fotos. Sortierte sie nur gut weg.

Ich hatte also keine weitere Arbeit damit. Keinen Aufwand.

Doch dann nahm ich es mir nochmal vor. Ich programmierte eine Website, die aus meiner vorhandenen Foto-Ordnerstruktur eine richtig schöne Foto-Galerie für die ganze Familie zauberte. Überlegte mir einen kompletten Workflow – vom auspacken der Kamera, dem eigentlichen Fotografieren, dem Übertragen auf den PC, der Einordnung ins Dateisystem, Bilder drehen, ab in Lightroom, die blödesten aussortieren, exportieren, hochladen, Familie Bescheid geben, fertig.

Puh.

Das funktioniert mittlerweile richtig gut. Ich brauche so nur noch eine bis zwei Stunden pro Woche um meine Fotos sinnvoll zu archivieren und auf der Website für die Familie bereit zu stellen. Richtig effektiv und produktiv. Das ist super.

Doch fällt euch was auf?

Erinnert ihr euch? Ein halbes Jahr lang hatte ich gar keine Arbeit damit. Nun habe ich mir selbst die Verpflichtung gebaut, es auch tatsächlich zu tun. Nun muss diese Zeit auch jede Woche eingeplant werden. Fest in den Wochenabflauf integriert werden. Die Familie hat sich daran gewöhnt. Da gibt es Nachfragen und lange Gesichter, falls sich auf der Seite länger etwas nicht tut.

Und obwohl das nur ein kleines, simples Beispiel ist, brachte es mich zur Erkenntnis:

Mehr Produktivität = Mehr zu tun.

Robert Voigt vor 6 Jahren

Kommentare

  • dthoelkensagt:
    12. Oct. 2011 um 12:57

    Da hast du Recht, dass kennen sicherlich genügend und man kommt nur schwer wieder daraus. Aber manchmal hat diese Art von Produktivität auch Vorteile.

  • LOftersagt:
    14. Oct. 2011 um 16:58

    Bei dieser ganzen Geschwindigkeit ist es aber schön zu hören, dass du das alles wohl immer noch aus eigenem Interesse tust. Wenn man sich selbst zum Organisieren und zum Aufstehen um 4:00 zwingen muss im Dinge zu tun, auf die man eigentlich eh keine Lust hat ist das meist der Anfang vom Ende. Wirklich eindrucksvoll!

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