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Interview mit Werner Lippert vom NRW Forum – „Ein Museum im Internet“

Foto: Creative.NRW

Wir freuen uns, heute wieder einen ganz besonderen Interviewpartner begrüßen zu dürfen. Werner Lippert ist Museumsdirektor des NRW Forums in Düsseldorf und macht in unseren Augen einen sehr detailverliebten Job: Das NRW Forum ist ein Museum der besonderen Art, denn im Gegensatz zum Image eines „normalen Museums“ präsentiert sich das NRW Forum als Tempel der Inspiration und Vorreiter in Sachen Social Media.

Werner Lippert ist für das NRW Forum auf Facebook, Twitter und Flickr unterwegs. Diverse Medien haben schon über das NRW Forum berichtet. Selbst ein iPhone-App steht Interessierten zur Verfügung.

Neben unserem vorangegangenen Artikel über das NRW Forum, der Kurzbiografie auf Creative.NRW, solltet ihr auch mal einen Blick in den äußerst lesenswerten Artikel von Thomas Knüwer werfen.

Wann und warum haben Sie angefangen für das NRW Forum im Internet aktiv zu sein?

Als Herausgeber des (ersten) Annual Multimedia in Deutschland, seit über 15 Jahren (!), steht das Internet natürlich bei mir ganz oben auf der Prioritäten-Liste. Seit 11 Jahren bespielen wir das NRW-Forum Düsseldorf … und ich glaube, dass wir sehr rasch, also etwa im Jahr 2000 mit einem Internet-Auftritt begonnen haben. (Leider kann ich den ersten Internetauftritt nicht mehr festmachen?!) Zuerst mit einem lieben Kollegen, dann mit einer ersten Agentur, dann mit Unterstützung der PR-Agentur Kothes und Klewes / Pleon, die uns content-wise sehr weitergebracht haben, heute mit V2A aus Essen. Eins lassen wir uns nicht nehmen: der Content kommt aus dem Museum, da behalten wir uns stets das letzte Wort vor.

Die Aktivitäten  im Internet haben dann immer weiter auch alles andere beeinflußt: Während wir am Anfang Journalisten noch mit Dias und Schwarz/Weiss-Abzügen versorgt haben, steht heute alles nur noch im Newsroom bzw. im Presse-Ordner zum download bereit. Presseinfos und Newsletter gehen über e-mail raus. Und so weiter.

Und schließlich sind wir heute im Web2.0 sehr aktiv unterweg. Hier unterstützt uns als Agentur Conosco.

Ein Museum im Internet, so was hat es in dieser Form noch nicht gegeben. Welchen Einfluss hat die digitale Welt auf ein Museum wie Ihres?

Wir haben im vergangen Jahr eine Ausstellung ausschließlich im Internet gezeigt: Harrison + Wood. Das waren 101 kurze VideoClips, die wir an 101 Tagen gezeigt haben – jeden Tag ein neues Video. Eine wunderbare Ausstellung. Die wurde richtig mit Einladungskarten und Presseaussendungen angekündigt, wie eine „reale“ Ausstellung.

Interessanterweise stellte sich der response sehr stark hinterher ein: Nachdem die Ausstellung vom Netz genommen war, erreichten uns zahlreiche „Beschwerden“ von Menschen, die die Ausstellung vermissten. Und im Übrigen gab es Kunstkritiken und Rückmeldungen und positive wie negative Stimmen, wie bei jeder anderen Ausstellung auch.

Die Digitale Welt hat einen Einfluß aus zwei Richtungen auf das Museum: Zum Einen bewegen wir uns in der digtialen Welt, eine Ausstellung wie CATWALKS war ja am Ende auch nur eine Collection digitaler Projektionen. Aber andererseits muss ein Museum noch stärker darüber nachdenken, was die eigene Position angesichts des Digitalen ist.

Und – haben Sie schon eine Antwort für sich gefunden?

Ja, in Ansätzen. Wir müssen stärker den realen Aspekt betonen als Museum: die reale Erfahrbarkeit, das Haptische, das Sublime (Erhabene), das sich im realen Raum eher einstellt als im virtuellen. Und wir müssen – so wie wir das ja bereits tun – eine Referenzposition, eine Auswahlfunktion im Fluss der digitalen Informationen, Bilder, Videos etc wahrnehmen.

Sie sind auf Facebook, Twitter und Flickr aktiv. Wie viel Zeit verbringen Sie täglich in Social Networks und in welchem dieser Portale sehen Sie das meiste Potential?

Der direkten Aufwand hält sich mit circa 1 bis 2 Stunden pro Tag in Grenzen. Das liegt aber auch daran, dass ich insgesamt meine Arbeit im Netz erledige. Zumindest sehr große Teile. Wir haben keine realen Büros mehr, sondern sind sehr mobil. Und sehr viel unserer Korrespondenz, der Informationssuche, der Inspiration findet im Web2.0 statt.

Ich würde allen Kanälen sehr unterschiedliche Funktionen und damit auch Potentiale, Vor- und Nachteile einräumen. Flickr und youtube zum  Beispiel sind wunderbare Partizipationsmedien, mit deren Hilfe unsere Fans/Besucher auch mit uns kommunizieren können. Facebook ist im Moment wahrscheinlich das hilfreichste Tool – mit dem Backup unseres Blogs und der Website, auf die wir verlinken können. Twitter ist das schnelle Tool. Wir nutzen alle, auch Google, zum Beispiel. Und schließlich gibt es immer wieder neues.

Immer wieder stoßen wir auf geniale Videos, Animationen und Fotos. Das Internet bietet eine unheimliche Bandbreite an künstlerischem „Output“. Wie stehen Sie zu diesem Thema? In wie fern nutzen Sie das Internet als Inspirationsquelle?

Ja das Internet, vor allem auch die zahlreichen hochqualitätiven Blogs jeglicher Richtung (Mode, Fotografie, Kunst, Politik, Architektur, Design, Lifestyle …), ist die neue Inspirationsquelle. Wo wir früher sehr viel Geld in Magazine investiert haben und in Storechecking jeglicher Art (in Guerilla Shops, Museen, Galerien, …) da investieren wir heute viel Zeit in die Suche nach interessanten neuen Informationsquellen im Internet. Und natürlich muss man auch viel Zeit ist „lesen“ der Blogs, etc investieren.

Die Mischung der Informationsquellen ist immer noch vielfältig, das reale Leben ist halt durch nichts zu ersetzen. Das Gespräch mit Künstler, Fotografen, Kollegen bleibt unersetzbar. Und häufig geht für eine Kooperation gar nichts ohne einen direkten, persönlichen Kontakt. Unser Kontakt, der schließlich zur Ausstellung „Dolls“ der Modeschöpfer Viktor & Rolf führte bestand aus einem 15 Minuten Gespräch in Amsterdam. Aber ohne das, wären wir wohl nie soweit gekommen.

Eine weitere Frage zum Thema Kunst im Internet: Könnten Sie sich vorstellen eine digitale Ausstellung abzuhalten? Vielleicht in Form eines digitalen Showrooms? Gibt es beim NRW Forum solche Überlegungen?

Ein digitaler Showroom wäre für mich eine zu direkte Umsetzung ins digitale. Für mich wäre die Messlatte eher, etwas neues zu erproben. Die eben erwähnte Ausstellung mit 101 VideoClips ist für mich im Ansatz etwas Neues … weil sie ganz anders ist, als eine reale Ausstellung im Museum, die gleichzeitg 101 Clips zeigt. Jeden Tag ein neues Video – so etwas lässt ich real nicht ernsthaft inszenieren.

Haben Sie einen Lieblingskünstler? Wer hat Sie in Ihrem Leben besonders inspiriert?

Ganz besonders inspieriert haben mich jene Künstler, mit denen ich „aufgewachsen“ bin, und deren Entwicklung ich als Kunstkritiker und Ausstellungsmacher in den 1970er Jahren geteilt und begleitet habe: das sind die Concept und Minimal Künstler, wie Joseph Kosuth, Robert Barry, Donald Judd, vor allem mein lieber Freund Lawrence Weiner. Und dann gibt es natürlich aus jeder folgenden „Generation“ Lieblingskünstler wie Richard Prince oder Christopher Wool oder Raymond Pettibon. Und nicht zu vergessen: Hans-Peter Feldmann.

Was ist für Sie „Kunst“?

„Kunst ist, was Künstler machen.“ Das ist für mich die beste Definition. Nicht von mir erfunden, sondern von Picasso, Beuys, Christo und anderen immer wieder hervorgehoben und von Kunst-Wissenschaftlern wie Ernst Gombrich oder Werner Haftmann zitiert. Weil Künstler immer wieder neu-geboren werden und die Kunst sich immer wieder ändert, gibt es für mich keine bessere Defiinition. Hängt sicherlich auch ein Bisschen mit meiner Biografie zusammen … siehe oben: Haben Sie einen Lieblingskünstler.

Wie kann man in Ihren Augen die „Realität“ mit der „Netzwelt“ verbinden? Gibt es Schnittstellen?

Wir haben gerade den Metropolen Kongress CREATIVE.HEIMAT erfolgereich hinter uns gebracht und eine der wirklich eindrucksvollen Ergebnisse des Kongresses war, dass wir den Begriff des Ortes neu für unsere heutige Generation definieren müssen. Ort auch im Sinne einer sozialen Verortung. Und da treffen sich dann wohl auch Realität und Netzwelt … in neuen Orten, in einer neuen Gesellschaft wie der Digitalen Boheme. Irgendwo müssen die Datenströme ja sichtbar werden und für alle zugänglich.

Sie sind das erste Museum mit einer eigenen iPhone-App. Wie kam es zu der Entscheidung ein App anzubieten? Welche Funktionalitäten bieten Sie an?

Unsere NRW-FORUM-APP ist jetzt in der Vesion 1.1 verfügbar. Für uns ist eine eigene App die optimale Alternative zu einem herkömmlichen Mobile Auftritt. Die App verbindet sehr viele Funktionalitäten, die ansonsten nicht mobil wären … zum Beispiel unser sehr aufwändiger Audio-Guide; der ist über Mobilephones abrufbar. Per App ist er aber jederzeit als Bild+Ton-Lösung auf dem iPhone sichtbar und hörbar. Wir bieten Hinweise auf Locations rings ums NRW-Forum (mit Google-Map), und haben einen Twitter-Feed und eine Video-Schnittstelle. Da wir streamen bieibt die App relativ klein und wir könnten geradezu ständig aktualisieren.

Letztendlich wurde durch unseren Anwendung eines Audioguides, den jeder Besucher über sein eigenes Mobilephone anhören kann, die Entscheidung fürs App beschleunigt. Jetzt warten wir auf unser iPad.

Welche Auswirkungen hat die mediale Präsenz auf die Auswahl der Künstler? Spüren Sie bei Verhandlungen einen gewissen „Pluspunkt“?

Eindeutig. Wir veranstalten am 8.Mai zur Langen Nacht der Museen im NRW-Forum ein iPhone Konzert mit ZEE und mit Kreidler. Die Musiker von Kreidler kannte ich persönlich. ZEE habe ich selber im Netz entdeckt. Und unsere Präsenz in der Netzwelt hat für das erste Gespräch eine positive Vorakzeptanz geschaffen, wie mir Björn Eichstädt, einer der beiden ZEEs, berichtete. Was unsere Auswahl von Künstlern angeht, sind wir wenig beeinflußt von deren medialer Präsenz.

Noch eine Frage im eigenen Interesse: Wie gefällt Ihnen detailverliebt.de? Was ist Ihnen besonders positiv/negativ aufgefallen?

Sie gehen einen sehr eigenen Weg mit detailverliebt.de – das gefällt mir. Was meine ich damit: „9 praktische Tipps für einen guten Start in den neuen Job“ … das ist z.B. etwas, was ungeheuer wichtig ist, wie wir aus vielen Gesprächen wissen. Ich finde es großartig, dass Sie solchen Themen widmen. Und dann natürlich Ihre posts über Guerilla-Marketing, etwa über „Just Blend it„, die machen einfach gute Laune.

Wir danken Werner Lippert vielmals für seine Zeit und die ausführliche Beantwortung unserer Fragen. Ist noch etwas offen geblieben? Wir reichen die Antworten gerne nach.

Und nun die entscheidende Frage: Wann wart ihr das letzte Mal freiwillig in einem Museum?

Thorsten Rusch vor 8 Jahren

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